Ich bin dein Freund auf der anderen Seite des Vorhangs

Viele Corgis haben einen wichtigen Vertrag mit den Elfen, einen Vertrag über den sie sehr stolz sind. Wenn die Elfen ein Reittier brauchen, stellen sich die Corgis zur Verfügung. Die Elfen beschützen die Erde und die Menschen vor dem Bösen, aber das wissen die Menschen nicht. Und das sollen sie auch nie wissen.

Es ist nicht alles perfekt, aber es wäre viel schlimmer, wenn die Elfen und die Corgis nicht gegen das Böse kämpften. Manchmal ist es schwach und abgekämpft, aber das Böse kann nie ganz besiegt werden. Und so baut es sich wieder auf, genährt von all den negativen Gedanken der Menschen. Und dann bekämpfen es die Elfen und Corgis erneut. Dieser Kampf hat stattgefunden seit die Menschen auf der Erde sind.

Während vielen Jahren ritten Adrian und Aaron mit ihren guten Freunden Argon und Elenwe. Das Böse mit seinen Gewitterwolken wurde immer wieder bekämpft, aber nie vernichtet. Aaron war mit den Jahren mutiger und selbstsicherer geworden und wurde nicht länger vom Bösen niedergeschlagen. Es geschah nie mehr, dass er, unendlich traurig, die Kontrolle verlor und gegen die Erde trudelte wie beim ersten Mal, als er am Gefecht teilnahm.

Zwischen den Kämpfen waren Adrian und Aaron ganz gewöhnliche Corgis, die friedlich mit ihren Menschen zusammen lebten, genau wie alle anderen Hunde. So vergingen die Jahre, abwechselnd mit normalem Leben zuhause und Heldentaten und grossen Schlachten zusammen mit den Elfen.

Eines Tages sagte Adrian zu Aaron: "Es geht mir nicht gut. Etwas wächst in mir, und jetzt müssen wir zum Tierarzt, um herauszufinden, was es ist." "Kann ich mitkommen?" fragte Aaron. "Heute nicht, Bruderherz. Aber ich werde dir alles erzählen, wenn ich zurück komme." Und damit sprang Adrian ins Auto zu seinen Menschen.


Mehr als zwei Stunden lang hielt Aaron von seinem festen Platz beim Fenster die Strasse im Auge. Als das Auto zurück kehrte und Adrian und die Menschen ausstiegen, schien es Aaron, dass Adrian so klein wirkte und die Menschen so ernst. Aaron rannte durch die Hundeklappe hinaus zu den anderen. "Wie geht es dir, Bruderherz - was sagte der Tierarzt?" Adrian antwortete: "Ich bin nicht länger jung, aber auch noch nicht so alt! Und vielleicht werde ich auch nicht so alt. Es waren schlechte Nachrichten." Die Menschen blickten ernst drein und sagten, dass Adrian nicht leiden und Schmerzen empfinden solle. Es schien, als hätten sie einen Beschluss gefasst. Die Tage vergingen langsam, und Adrian schlief viel. Aaron wollte so gerne, das Adrian und er zusammen spielen sollten wie immer, aber Adrian mochte nicht mehr.

"Ja, nun ist der Tag gekommen", sagten die Menschen mit Tränen in den Augen. "Nein, heute auch nicht", antwortete Aaron langsam auf die Frage, die er von Aaron erwartet hatte. "Das muss ich alleine durchstehen. Aber weisst du was? Ich habe dich immer geliebt, Bruderherz! Seit dem Tag, als die Menschen dich als kleinen flauschigen Welpen nach Haus brachten. Wir waren immer zusammen. Aber jetzt musst du stark sein". "Aber du hast mich doch immer von Bulldog Brutus die Strasse runter beschützt, und mir beigebracht, mit den Elfen zu reiten und gegen das Böse zu kämpfen. Warum sagst du nun, dass ich stark sein muss? Ich bin doch so froh über das Leben zusammen mit dir, so wie es ist"!

Dann schwieg Aaron und blickte Adrian fragend an. "Ja, es ist Lebewohl, Bruderherz", sagte Adrian, während die Menschen ihn vorsichtig ins Auto hoben.

In den folgenden Tagen ging Aaron ruhelos herum und suchte nach Adrian - überall. Er wollte weder fressen noch spielen und auch nicht schlafen. Ein paar Wochen später kehrten die Menschen vom Tierarzt zurück mit einer kleinen Kartonschachtel, die eine Urne enthielt, welche die Menschen mit grossem Respekt handhabten. Einige Tage später begaben sich alle zum alten Apfelbaum und hoben ein Grab aus, worin sie die Urne platzierten. "Aaron, du verstehst das wahrscheinlich nicht, aber Adrian war ein guter und lieber Freund und wir werden ihn nie vergessen." Dann schaufelten sie das Grab zu und drückten die Erde fest, so dass sich über der Urne ein kleiner Hügel wölbte. Danach standen sie eine Weile da und umarmten sich. "Nun, das Leben geht weiter. Komm Aaron, kleiner Freund, vielleicht haben wir etwas Leckeres für dich zum Abendessen." Aber Aaron wollte nichts fressen - auch heute nicht. In der Nacht ging er durch die Hundeklappe hinaus und setzte sich einsam auf den neuen Erdhügel beim alten Apfelbaum. Dann streckte er seine Schnauze gegen den vom Mond erhellten Nachthimmel und heulte, um seinen Kummer und dem Verlust von Adrian Luft zu machen.

Nach und nach begann Aaron wieder zu fressen. Aber beim Gassi gehen, ging er immer rasch und lautlos am Zaun vorbei, wo Brutus wohnte. Es machte keinen Spass mehr, bei dem stämmigen Erzfeind vorbei zu gehen - nicht ohne Adrian.

Einige Wochen später erwachte Aaron eines nachts plötzlich - die Elfen riefen ihn! Er rannte durch die Hundeklappe in den Garten. Dort standen seine guten Freunde Argon und Elenwe und grüssten ihn erfreut willkommen. Sie setzten sich neben Aaron ins Gras und streichelten ihn liebevoll. "Wir wissen, welch grosse Trauer du trägst, alter Freund, und deine Trauer ist auch unsere Trauer. Aber wir brauchen noch einmal deine Hilfe. Das Böse baut sich wieder auf. Wir müssen jederzeit mit den Gewitterwolken rechnen. Wir bitten dich daher, bei uns zu bleiben."

Glücklich über das Wiedersehen, liess sich Aaron unter dem Lichtbogen, den Argon Elenwe schufen, in die Welt der Elfen führen. Unter dem strahlenden Lichtbogen, der sie umgab, fühlte sich alles gut und richtig an. In der Welt der Elfen wurden sie von der Elfenkönigin, der weisesten aller Elfen, persönlich empfangen. "Sei gegrüsst, tapferer Corgi mit dem grossen Herzen", sagte sie und verneigte sich anmutig. "Deine Hilfe ist erwünscht und höchst notwendig. Wir stehen einer grossen Gefahr gegenüber, weil das Böse eine noch nie gesehene Kraft erreicht hat. Wir dürfen keine Zeit verlieren und Ihr alle müsst sofort los, um der Bedrohung entgegen zu treten. Argon, du reitest mit deinem neuen Corgi-Freund Victor. Pass gut auf ihn auf." Über sich sahen sie Scharen von Corgis mit Elfenkriegern auf ihrem Rücken in langen und disziplinierten Reihen, allesamt mit den magischen Leuchtstäben bewaffnet.

Der Kampf gegen die Gewitterwolken war hart und anhaltend. Lange sah es danach aus, dass die Elfen und Corgis verlieren würden. Aber langsam und beharrlich gelang es ihnen, die aggressiven Gewitterwolken zu vernichten - eine nach der anderen. Aaron behielt die Situation im Auge und weigerte sich, von all der negativen Energie, die ihn umgab, niedergeschlagen zu werden. Er war die Sicherheit selbst und trug Elenwe immer weiter in den peitschenden Regen und die starken Winde hinein, während die Blitze die Luft um sie herum zerrissen. Schliesslich gelang es Elenwe und Aaron sich ins Zentrum der gewaltigsten Gewitterwolke vorzukämpfen. Jetzt drehte Elenwe den Leuchtstab auf volle Kraft und strahlte/vertrieb das Böse in einer enormen Lichtexplosion in alle Richtungen bis zur totalen Vernichtung!


Reihen von Elfen und Corgis landeten nach dem Sieg und wurden von einer erleichterten Elfenkönigin und ihren Ratgebern empfangen. "Ich folgte Euch alle in Gedanken, besonders Euch beide, Elenwe und Aaron. Ich bin stolz, wie Ihr dieses ungewöhnlich starke Erlebnis meisterten - Glückwunsch!" Aaron, dessen Fell von all den elektrischen Ausladungen ganz struppig war, war sichtlich stolz über diese lobenden Worte der Elfenkönigin. "Ich möchte dir zum Dank ein Geschenk geben- eine Einsicht, die den wenigsten vergönnt ist", fuhr sie fort und trat einen Schritt zur Seite. Und dort stand Adrian, umgeben vom selben goldenen Licht wie die Elfen! So schön, friedlich und glücklich. Aaron stand zuerst einige Sekunden wie versteinert da. Dann rannate er zu Adrian und wusch ihm das Gesicht und rannte im Kreis um ihn herum vor lauter Freude über das Wiedersehen!

Nach diesem Freudentanz, überglücklich seinen Bruder wieder zu sehen, hielt Aaron plötzlich inne. "Du hast mich verlassen", sagte er. "Ich bin ganz allein. Wer hilft mir, wenn ich auf den grimmigen Brutus treffe? Und alles, was wir zusammen gemacht haben. Mit wem kann ich jetzt spielen? Warum hast du mich verlassen?" Aaron klang fast etwas vorwurfsvoll. Adrian schaute Aaron lächelnd an. "Da gibt es eine Menge zu beantworten. Können wir mit Brutus beginnen? In meiner Erinnerung war er eine ziemliche Herausforderung, wenn wir an seinem Garten vorbei gingen. Hin und zurück. Wir auf der einen Seite des Zauns und er auf der anderen Seite. Wie gefährlich wir waren und wie wütend! Aber in der Welt der Elfen sind wir drei eigentlich gute Freunde."

"Wir sind was?" platzte Aaron heraus. "Sind wir Freunde hier in der Welt der Elfen? Aber wir sind doch immer so wütend auf einander. Und hier sind wir Freunde? Und wer sind "wir"? "Mit "wir" meine ich natürlich die grosse Seele von dir und Brutus. Nachdem ich nach Hause kam, also hierher, wurde ich mit meiner grossen Seele vereint - ich bin eins - und das wirst du auch werden, wenn deine Zeit auf Erden um ist." "Ich glaube dir nicht", sagte Aaron. "Brutus ist einfach böse und dumm. Warum sollen wir hier bei den Elfen Freunde sein?" "Nun, zu allererst weil das Böse hier unter den Elfen nicht existiert, ausgenommen wenn die Gewitterwolken kommen und die Elfen und Corgis sie vertreiben müssen. Und weil wir als Seelen immer viel lernen müssen, über gut und schlecht, über Liebe und Gemeinheit, was es bedeutet, reich oder arm zu sein - ja über alle diese Gegensätze im Leben auf Erden. Wir müssen alle Seiten des Lebens kennen lernen, um das Leben zu verstehen. Und so musst du dich selber fragen: Falls du auf eine lange und schwierige Reise gehen solltest, wobei du mit viele Widerwärtigkeiten konfrontiert wirst, wen würdest du auf dieser Reise am liebsten an deiner Seite haben?"

"Das ist ja klar" sagte Aaron. "Das muss jemand sein, dem ich vertrauen kann und auf den ich mich verlassen kann, wenn es Schwierigkeiten gibt." "Und gerade weil du und Brutus so vertraut sind, habt Ihr Euch entschlossen, die Reise zur Erde gemeinsam zu machen. Genau wie ich, so lange ich dort war." "Meinst du, ich soll zu Buster zurückkehren und ihm mitteilen, dass wir eigentlich gute Freunde sind. Ich glaube nicht, dass es mir gelingen wird, ihm das mitzuteilen, bevor er mich in Stücke gerissen hat!" "Ja, da hast du völlig recht", sagte Adrian lachend. "Es ist unmöglich, dass jemand Buster erzählt hat, was wir nun besprochen haben. Du musst mir einfach glauben. Wenn du zu den Menschen auf der Erde zurückkehrst, müsst Ihr einfach weiterhin die Rollen spielen, die Ihr gewählt habt, d.h. Streitereien mit wütendem Gebell. Und wenn Ihr beide hierher zurückkehrt, werdet Ihr verstehen."

Und Adrian fuhr fort: "Du warst viele Male hier in der Welt der Elfen, um gegen das Böse und die Gewitterwolken zu kämpfen, aber du hast nur einen kleinen Teil von unserer Welt gesehen. Aber eines Tages wirst du dich erinnern - an alles - und dass dies dein wirkliches Zuhause ist! Und Bruderherz ich habe dich nie verlassen, du bist nie allein. Ich bin dein Freund auf der anderen Seite des Vorhangs, ein treuer Seelenfreund, der alles weiss und der dieses Wissen immer zu deinem Besten benutzen wird. Ich bin derjenige, der nachts zu dir in deinen Träumen kommt und die Verspannungen des Vortages löst und dir Frieden gibt. Ich bin die Stimme des Gewissens, die dir Antworten auf deine Zweifel und Dilemmas gibt. Ich bin die Stimme, die dir in der Dämmerung zuflüstert, dass du grossartig bist und die Liebe der ganzen Welt verdienst. Du bist perfekt und bist es immer gewesen. Ich bin die geduldig zuhörende Stimme, die auf deine Fragen wartet und werde all deine Gedanken und Rätsel beantworten, die du selbst vielleicht nicht ganz verstehst. In mir findest du den Helfer, der nur das Beste für dich will. Denk an die Zeit, als wir hier in der Welt der Elfen zusammen waren, bevor wir zur Welt der Menschen zurückkehrten - zusammen oder jeder für sich - immer und immer wieder in einem neuen Leben, um zu lernen. Aber ich muss dich daran erinnern, dass der freie Wille nur dir gehört - ich kann keine Entscheidungen für dich treffen. Und ich bitte dich inbrünstig: lerne zuzuhören. Atme tief, entspanne dich, schliesse die Augen und entferne dich von der Rastlosigkeit der Welt. Denn du existierst nicht nur physisch. Dann komme ich zu dir und sage: "Ich liebe dich, wie kann ich dir helfen?" Denn ich bin immer bei dir. Das ist bedingungslose Liebe und du hast immer Zugang zu dieser Quelle. Ich bin da für dich. Wir sind nicht irdische Individuen mit einer spirituellen Erfahrung, sondern spirituelle Seelen mit einer irdischen Erfahrung. Denn alle Individuen verdienen es, als das betrachtet zu werden, das sie sind - einzigartige Seelen, die Respekt für ihre Einzigartigkeit verdienen."

Adrian betrachtete die Elfenkönigin einen Augenblick. "Was ist der Sinn des Lebens auf der Erde? Die Elfenkönigin hat mir die Antwort gegeben. Man muss lernen, glücklich zu sein. Ein wichtiger Teil dieses phantastischen Zustands ist Dankbarkeit. Lege Wert auf alle deine Privilegien und vergiss deine Sorgen und Enttäuschungen, denn du hast gelernt, nicht länger dabei zu verweilen. Sie gehen dich nichts mehr an und sie sind nicht länger ein Teil von dir - las sie los. Schau zum Horizont und darüber hinaus - du beherbergst viele Möglichkeiten. Und dafür bist du dankbar. Brauche die Zeit vernünftig, denn deine Lehrzeit in der Welt der Menschen ist noch nicht vorbei."


Die folgenden Stunden verbrachten Adrian und Aaron zusammen unter den alten Eichen. Aaron wollte Adrian alles erzählen, was er erlebt hatte, nachdem Adrian krank wurde und starb. Aber Adrian sagte immer mit einem Lächeln, dass er das alles wisse. "Ich war die ganze Zeit bei dir, observierend aber nie richtend. Nur mit einer unendlichen und bedingungslosen Liebe. Ich weiss alles, und ich liebe dich so."

Die Zeit des Aufbruchs kam. Elenwe bat Aaron, sich auf die Rückkehr zu den Menschen vorzubereiten. "Wir werden dich begleiten und sichern, dass alles in Ordnung ist. Und wir werden dich rufen, wenn es Zeit ist. Das weisst du." Aaron nickte und seufzte. "Weisst du was, Bruderherz?" sagte Aaron im gleichen Augenblick, als Argon und Elenwe ihre Arme erhoben, um den magischen Lichtbogen zu schaffen, der sie zur Welt der Menschen zurückbringen würde. "Ich habe immer noch ein schlechtes Gewissen, weil ich damals deinen Lieblingsball versteckte!" Adrian schaute auf und lächelte. "Oh ja, ich erinnere mich gut, wie ich danach suchte. Aber vergiss nicht, was ich sagte", mahnte Aaron, umgeben vom goldenen Licht. "Wir sind in der Welt der Menschen um zu lernen, glücklich zu sein. Vergiss alle die Kleinigkeiten im grossen Ganzen und schau über den Horizont hinaus!" Und dann war Aaron zurück im Garten. Bald würde die Sonne eines neuen Tages aufstehen. Er schaute einen Augenblick wehmütig zu Adrians irdischem Grab, bevor er sich hinauf zum Haus machte.

Aaron ging Gassi mit seinen Menschen und schon bald näherten sie sich dem schlimmsten Ort auf dieser Erde - dem Zaun und Zuhause, wo Brutus wohnte. Aaron sah, dass die Bulldogge die Strasse im Auge behielt und dass er sie gesehen hatte. Mit Gebrüll stürmte der kräftige Brutus auf sie zu und prallte mit Wucht in den Maschendrahtzaun, der beinahe barst. Aaron lief auf Brutus zu, der hinter dem Zaun stand und vor Wut schäumte, und leckte ihn schnell an der Nase. Brutus, vergiss nicht, dass wir eigentlich gute Freunde sind. Nun musst nur zum Horizont und darüber hinaus sehen, und eines Tages wirst du verstehen!" Die Bulldogge fiel auf den Hintern vor lauter Überraschung über Aarons Worte und sah völlig verdutzt aus. Aaron lächelte verschmitzt, drehte sich um und begab sich vergnügt zurück zu seinen Menschen.

Bjørn Range aus der norwegischen Corgi Post 4, 1919
Übersetzung ANo

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21.12.2024